Hans Kolpak im Internet
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Angst essen Seele auf
Stell Dir vor, Du seiest prominent. Dein Erscheinungsbild in der Öffentlichkeit ist ein Mischmasch aus Gerüchten, Vermutungen und verdrehten Interviewtexten nebst Pressemitteilungen. Du wirst benutzt, um das eigene gesichtslose Leben von Millionen aufzupeppen.
Es braucht einige bittere Erfahrungen, bis Du zwischen Deinem Leben und der künstlich geschaffenen Realität in den Medien zu unterscheiden weißt. Deine Anwesenheit in der Talkshow am Samstag abend um 20 Uhr, die live übertragen wird, sagt lediglich aus, daß Du in dieser Zeit nichts anderes getan hast. Sie gibt nicht preis, was Du letzten Sommer getan hast.
Du bist beruhigt und lehnst Dich entspannt zurück, lächelst in die Kameras und antwortest ruhig und ausgeglichen auf die beißenden Fragen von Moderator und anderen Gästen. Was sich in dem Kopfkino von Millionen Zuschauern abspielt, entzieht sich Deiner Kenntnis.</p> <p>Deine Angst, überwacht oder terrorisiert zu werden, legt sich augenblicklich, denn auch Terroristen und Ermittlungsbeamte haben ihr eigenes Kopfkino. Den Papparazzi, die um Deine Villa herumlungern, um Dich beim Knutschen im Sonnenbad zu erwischen, winkst Du freundlich zu. Beim Wegfahren winkst Du sie herbei und gibst ihnen Autogramme.
Sie fangen an, Dich langweilig zu finden, weil Du transparent bist und keine Heimlichkeiten vertuschst, die Dich erpressbar machen. Beim Einloggen ins in Deine Online-Gemeinschaft fällt dir auf, wie viele Menschen ein Profil ohne ein aktuelles Foto haben. Was mag sie motivieren? Ob sie eine ähnliche Angst pflegen, die Du zu Beginn Deiner Populariät in den Medien auch hattest?
Es ist schwer zu sagen. Aber Du erinnerst Dich an die vielen Menschen in der Fußgängerzone, die Du beim Einkaufsbummel siehst. Nur wenige tragen noch Papiertüten oder Latexmasken, die meisten sind verschleiert, so daß nur die Umrisse ihrer Köpfe auszumachen sind. Einige Mutige tragen Sonnenbrillen mit künstlichen Nasen. Es ist trotzdem schwer zu erkennen, wer Dir da begegnet.
Mit einigen bist Du ins Gespräch gekommen. Viele sind von Angst und Unsicherheit zusammengebacken. Sie täuschen Stärke vor, indem sie Dir grundsätzlich widersprechen oder Dir weismachen, Du seiest im Irrtum. So ist Dir die Lust vergangen, mit wildfremden Menschen zu kommunizieren, weil ihre Gesichtslosigkeit auch in ihrer äußeren Erscheinung zum Ausdruck kommt.
Dir wird bewußt, daß menschliches Verhalten im Internet lediglich ein Spiegel dessen ist, was in den Straßen und Häusern schon immer geschah. Trotz aller Technik, die sich entwickelt hat - es gibt wenig Neues unter der Sonne!
Hans Kolpak
Biß der Woche
* "Angst essen Seele auf" ist der Titel eines Spielfilmes von Rainer Werner Fassbinder.