Pornografie-Artikel

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Autor: zentralkomitte (at) kulturrevolution . de
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Pornografie kommt aus dem griechischen "porne" (=Dirne) und
graphein (=malen, zeichnen), heisst wörtlich übersetzt also das
Abbilden von Dirnen. Heute versteht mensch unter Pornografie "die vor
allem literarische, bildliche oder filmische Darstellung sexueller Aspekte oder
Vorgänge, gekennzeichnet durch geringes oder fehlendes Niveau"[1]
Die Debatte, ob Pornografie verboten werden sollte, ist eine der kontinuierlichsten der Neuen Frauenbewegung. Auf der einen Seite stehen diejeniegen, die in der Pornografie eine grundsätzliche Missachtung und Entwürdigung der Frauen sehen und sie sie deshalb verbieten wollen. Ein radikalerer Flügel dieser Seite vertritt die Meinung, dass Pornografie zu Vergewaltigungen führe, eben weil sie Gewalt gegen Frauen verherrliche oder verharmlose. “Pornografie ist die Theorie - Vergewaltigung die Praxis” ist ihr Slogan.
Auf der anderen Seite stehen diejenigen, die ein Verbot der Pornografie für nicht zweckmäßig halten, will heißen, dass ein Verbot für Frauen nichts bringt. Sie sehen zwar auch, dass die Darstellung von Frauen in den meisten mainstream-Pornos zutiefst entwürdigend ist, ahnen aber im Verbot eine Gefahr: Sie argumentieren mit einem neu aufkommenden Puritanismus und den Problemen, Pornografie von Erotik zu unterscheiden.
Nicht zuletzt wird es ihrer Meinung nach auch nach einem Verbot (illegale) Pornos geben. Die Frauen, die in dieser Branche arbeiten, würden mehr als ohnehin schon einen Scheißjob machen müssen und hätten nach einem Verbot keine gültigen Arbeitsverträge, keinen Anspruch auf Kranken- und Sozialversicherung, keinen Rechtsanspruch auf Bezahlung und noch größere Schwierigkeiten bei der Anzeigenaufgabe gegen Misshandlung/Vergewaltigung[2] bei der Produktion etc. Dies führt zu einer größeren Abhängigkeit von den ProduzentInnen.
PorNOgrafie!
“Denn wie in der Werbung schafft die Bild- und Reizüberflutung Gewöhnung und Abstumpfung. Stereotyp wiederholt, verlieren die Bilder von Nacktheit, Sex und Lust ihren Reiz und die Bilder der Gewalt ihren Schrecken. (...) Das Ende des Films heißt immer auch: “Aus der Traum” und weckt den Wunsch nach Wiederholung. (...) Der Ausweg, den Pornographie unter dem Hinweis: Glück, Befriedigung weist, heißt Brutalisierung männlicher Sexualität auf Kosten der Frauen und zu Lasten einer menschengerechten Sexualität.”[3]
In dieser Argumentation für ein Pornografie-Verbot wird den
Männern per se die Fähigkeit abgesprochen, zwischen dem Gesehenen und
ihrem eigenen Tun zu differenzieren. Männer werden nicht anders gehandelt
als der Pawlovsche Hund[4] : Sie sehen Vergewaltigungen im Film und ohne die
Fähigkeit, das Gesehene bewusst als Fiktion[5] zu begreifen und zu
reflektieren, ist es ihnen Wunsch, ja sogar Verlangen und Begierde, das
Gesehene in die Realitiät umzusetzen.
Wenn mensch dieser Argumentation
folgt, müssten alle Produkte, für die keine Werbung auf Sat 1 gemacht
wird, längst in den Regalen verstaubt sein.
Pornografie ist außerdem nicht nur etwas, das Männer konsumieren: Auch Frauen benutzen Pornografie. Allein die Tatsache, dass Frauen diese Waren konsumieren, macht sie aber nicht fortschrittlicher oder führt zu einer “menschengerechten Sexualität”[6] : Die Symbole in Videos, Foto-Heften und Schundromanen sind weitestgehend dieselben - was auch nicht anders zu erwarten sind, schließlich wurzeln die Phantasien ja in den gemachten Erfahrungen innerhalb der gesellschaftlichen Realität.
Was wird in Pornos gezeigt?
Redet mensch von “Pornos”, so sind in der Regel Heterosexuelle Mainstream-Pornos gemeint. Die folgende Analyse bezieht auch nur auf ebendiese. In ihnen werden Bilder von einem Mann, der immer kann, gefügigen Frauen, und dem ewig steifen, ewig potenten Schwanz bishin zu Szenen, in denen Frauen Spaß an ihrer Vergewaltigung haben, gezeigt. Sie ist unersättlich und auf ihn angewiesen. Er hat, was sie braucht: Das Geld, das Auto, das Haus, den Sex.[7] Die Hierarchien sind so eindeutig, wie die Normalität: Der Arzt und die Krankenschwester, der Chef und die Sekretärin, der Lehrer und die Schülerin(nen). Dort, wo die Frau die dominierende Rolle spielt dient es ausschließlich der Luststeigerung des Mannes und der Aufrechterhaltung seiner Macht, die er - und sei es nur gerade eben - über sie ausüben kann. Keinesfalls kann die Frau eine eigene Sexualität haben. Um das Gezeigte zu verstehen, macht es Sinn, die Bilder im Zusammenhang mit dem Geschlechterverhältnis und dem Entstehen von Begierde und Macht zu betrachten.
Exkurs: Psychoanalyse
In Anschluss an Freud und Lacan widmet sich Drucilla Cornell in ihrem Buch Die Versuchung der Pornographie sehr ausführlich dem Zusammenhang von Begehren und Macht, da es die zentralen Punkte für die Ausrichtung der Pornografie sind.
Sie stellt die These auf, dass Phallus und Penis nicht eins sind, sondern dass der Phallus nur die Macht (lateinisch übrigens Potenz) bzw. die Machtzuschreibung ist. Im heutigen Geschlechterverhältnis muss der Mann die Macht haben. Was hat der Mann, was die Frau nicht hat? Den Penis. Also fallen Phallus und Penis in eins. Da Macht aber eine Interpretation (also kulturell vermittelt) ist und nicht im Wesen des Gegenstands selbst liegt, ist sie auch anders denkbar. Diese Möglichkeit, dass das Geschlechterverhältnis nicht naturgegeben ist und anders sein könnte, muss die Pornografie, die sich in den Dienst der Herrschaft stellt, ausschließen. Die Möglichkeit, dass Penis und Phallus getrennt werden können, muss also ausgeschlossen werden. Wie kommt es aber überhaupt dazu, dass der Penis mit dem Phallus identifiziert wird?
Das Kind, das erkennt, dass es ein von der Mutter anderes Wesen ist, erlebt diese Trennung zum einen als Erlangen einer eigenen Identität, zum anderen als Verlust der Mutter. Den Verlust will es dadurch kompensieren, dass es die Mutter zurückerobert. Es erkennt die Mutter als vom Vater abhängigen Menschen. Auf die Frage, was der Vater hat, was ihm die Macht über die Mutter verleiht, lautet die Antwort: Den Phallus. Dieser wird nun mit dem Penis gleichgesetzt[8] .
Hierher kommt die Vorstellung von der
Amputation des Penis´, den die Frau als Mangelwesen definiert: Ihr
Begehren richtet sich auf den Phallus (der mit dem Penis gleichgesetzt ist) und
ist damit der Versuch, ihren Mangel eben qua der Begierde auszugleichen.
Der Mann wiederum schöpft seine Macht von diesem Begehrt-werden und
der Bestätigung, dass er hat, was ihr fehlt. Er identifiziert die Frau als
das Andere, Mangelhafte und sich damit als Komplettes, als sich selbst. Das
Kind will nun über die Erlangung des Phallus die Macht über die
Mutter zurückerlangen.
“Dieses Phantasma [dass der Penis und der Phallus immer eins sein müssen, S.D.] schützt den Mann davor, mit der Möglichkeit der unbewussten Spaltung zwischen Phallus und Penis konfrontiert zu werden. In seiner Angst, daß er auch Mangel ist, d.h. daß der Penis niemals der Phallus ist und auch nie sein kann, da der Pahllus als Phantasma exisitiert, wendet er sich der Pornographie zu und setzt sich selbst als allmächtigen Vater, als der mit dem steifen Schwanz. Dieser Schwanz schützt ihn vor ihr. (...) Dieser andere Körper [der weibliche, S.D.] wird als das phantasmatische Andere, als blutendes Loch, als Mangel am Haben, das im Bewußten des Mannes lauert, was er wirklich ist, ausagiert.”[9]
Pornografie wird hier benutzt, um sich der Feststellung zu entziehen, dass Phallus nicht gleich Penis ist, was die Grundlage des derzeitgien Geschlechterverhältnis ausmacht. Von den starren Geschlechtsnormen abweichende Darstellungen bzw. Geschlechtsrollen können schon dshalb nicht vorkommen, da sie das Phantasma als solcher enthüllen würden. Deshalb wird in ewigen Wiederholungen des selben Themas in unzähligen Filmen der status quo aufrechterhalten.
An dieser Stelle kommen die Analysen der verschieden Ansätze wieder näher zusammen. So sagt Alice Schwarzer: “Es geht nicht um “Unsittlichkeit” sondern um Frauenfeindlichkeit. Es geht nicht um Sex, sondern um Macht.”[10]
Verschiedene Ansätze
Die Forderungen der verschiedenen Flügel sind zwangsläufig andere: In Deutschland wurde der Pornografie-Verbieten Flügel insbesondere durch Alice Schwarzer vertreten. Sie legten einen Gesetzentwurf zum Verbot von Pornografie vor. Drucilla Cornell, eine Ablehnerin des Pornografie-Verbots, fordert in ihrem Buch “Die Versuchung der Pornographie” ein sog. “Zoning out”. D.h. es soll nicht mehr mit pornografischem Material geworben werden, Sex-Shops und Porno-Läden bleiben aber weiterhin legal. Sie dürfen jedoch nichts in ihre Schaufenster stellen und keine Fotos o.ä. aufhängen, sondern nur z.B. mit Herzchen werben. Somit würden diejenigen, die Nacktfotos als Zumutung empfinden, nicht gezwungen, sie sich im Vorbeigehen anzusehen.
Resumée: Kann es feministische Pornografie geben?
Nur wenn mensch annimmt, dass Mainstream-Pornografie Realität ersetzt, kann gesagt werden, dass sie per se diskriminierend ist. Tritt sie aber wirklich an die Stelle der Realität? Und ist jede Form der Pornografie diskriminierend? Die heterosexuelle Mainstream-Pornografie bietet keine befreiende Perspektive zum Durchbrechen der (Geschlechts-) Normen, da sie auf die starren Stereotype angewiesen ist. Aber muss Pornografie zwangsläufig in der bestehenden Geschlechterordnung verharren?
“Wo Pornographie die Vorherrschaft des Mannes und sexuelle Entfremdung glorifiziert, ist sie zutiefst reaktionär. Aber da, wo sie gegen sexuelle Repression und Heuchelei - und beide haben an Frauen mehr Schaden genommen als an Männern - angeht, bringt sie radikale Triebkräfte zum Ausdruck”[11]
Pornografie ist nicht zwangsläufig in den Dienst der Herrschaft gestellt. Nur, weil in den meisten Zeitungen reaktionärer Müll steht, käme niemand auf die Idee, Zeitungen verwerflich zu finden. Wenn Pornografie in ihrem jeweiligen Kontext Begehren darstellt, dann muss die Konsequenz nicht sein, Pornografie zu verwerfen sondern den Inhalt zu kritisieren. Je nach dem, was in den Bildern ausgedrückt wird und wie Begierede dargestellt wird, kann und muss Pornografie schlicht frauenverachtend genannt werden. Natürlich könnten Bilder, die “sexuelle Aspekte oder Vorgänge”[12] darstellen auch Frauen eine eigene Sexualität zusprechen. Es kommt halt darauf an, wer mit welchem Interesse filmt, wer zusieht und was der- oder diejenige sehen will.
Um nicht falsch verstanden zu werden: Aktionen gegen frauenfeindliche
Werbung oder gegen glorifizierende Darstellungen von Vergewaltigungen in
Filmen/Videos finde ich richtig und begrüßenswert, da sie sich gegen
eine konkrete Unterdrückung wenden und inhaltlich begründet sind.
Hingegen glaube ich nicht, dass Pornografie immer schon frauenverachtend
sein muss, wie z.B. Alternativ-Pornos oder die Schwierigkeiten, zwischen
“Pornografie” und “Erotik” zu unterscheiden, zeigen. Dass
das Ausdrücken von Sinnlichkeit und körperlicher Zuneigung nichts
schlimmes ist, finden sogar die meist prüden studierten Eltern, die ihren
erotischen Gedichtband von Goethe nicht der Pornografie bezichtigen wollen.
Interessant wäre noch die Klärung der Frage, warum ausgerechnet an Sexualität der Anspruch gestellt wird, Begierde und Erfüllung ohne Macht (bzw. Machtasymmetrie) zu erreichen. Aber das ist nicht Thema dieses Artikels.
Sarah Dellmann
Zum Weiterlesen:
Andrea Dworkin: PorNOgraphie. Männer beherrschen Frauen,
Fischer-Verlag 1990
Snitow/Stansell/Thompson (Hrsg.): Die Politik des
Begehrens. Sexualität, Pornographie und neuer Puritanismus in den USA,
Rotbuch-Verlag 1985
Drucilla Cornell: Die Versuchung der Pornographie,
Berlin Verlag 1995
Quellen:
[1] Brockhaus 1983
[2] Bei legaler Porno-Produktion
verpflichten sich die Frauen nur zu den im Arbeitsvertrag genannten Praktiken
und haben das Recht, bei anderen Praktiken Anzeige zu erstatten.
[3]
Florence Hervé, Elly Steinmann, Renate Wurms (Hrsg.): Das Weiberlexikon,
PapyRossa Verlag Köln 1995 S.394f
[4] dem die Spucke im Mund
zusammenläuft, wenn die Glocke bimmelt. Auf einen Reiz folge eine
bestimmte, vorhersehbare Reaktion
[5] Das Realität und Fiktion
im Wechselseitgen Verhältnis zueinander stehen, ist ein anderes Thema, was
den Umfang dieses Artikels erheblich sprengen würde. Für´s
erste soll es aber genügen, dass mensch Menschen die Fähigkeit
zusprechen soll, Fiktion als solche zu erkennen. Überlegungen, woher diese
Fiktionen kommen, folgen dann im Idealfall
[6] vgl. Hervé,
Steinmann, Wurms: a.a.O.
[7] vgl. Hervé, Steinmann, Wurms:
a.a.O.
[8] eigentlich wird hier schon deutlich, dass es nicht am
mannsein liegen kann. Eine Mutter, die in einer lesbischen Beziehung lebt ist
genauso abhängig von der Anderen. Das Kind müsste also den Phallus
der Lebensgefährtin zuschreiben. Hierzu habe ich aber noch nichts
gefunden, weshalb dies nur eine Vermutung ist
[9] ebenda, S.77f
[10] Alice Schwarzer, Vorwort zur deutschen Ausgabe in: Andrea
Dworkin, PorNOgraphie a.a.O. S.9
[11] Ellen Willis Feminismus,
Moralimus und Pornographie in: Snitow/Stansell/Thompson (Hg) Die Politik des
Begehrens. Sexualität, Pornographie und neuer Puritanismus in den USA
Berlin 1985 S. 185
[12 ] Brockhaus 1983